In Papas Thronsaal ist eigentlich immer etwas was los. Nicht, dass wir Kinder das immer verstehen können, aber es ist schon toll. Warum: alles was unser Papa macht ist toll! Und er weiß so viel. Wir allerdings nicht. Aber wir lernen ja auch noch. Und Papa hat so eine tolle Art, uns die Dinge zu zeigen wie sie sind. Und was wirklich wichtig ist. Bei ihm macht es immer Spaß, sogar das Lernen ...
Mit den nachfolgenden Geschichten möchte ich euch mit in die Welt von Papas Thronsaal und seine Bande von Kindern hinein nehmen. Alle Ähnlichkeiten mit dem echten Leben sind beabsichtigt und die Serie soll fortgesetzt werden - sobald ich mal wieder hinkomme und die neuesten Berichte aus dem Thronsaal höre ... thomas sesselmann

Teil 10 - Das Fest ( ... und Teil 11 - wie ich es verpasste)
lles fing damit an, dass ich immer solche Bauchschmerzen bekam, wenn ich Sarah sah. Aber halt, ich erzähle die Sache wieder einmal völlig falsch. Natürlich fing nicht alles damit an. Es kann im Grunde überhaupt keiner sagen, wo etwas anfängt und etwas aufhört, weil wir nicht so richtig den Überblick über die Sachen haben. Über die meisten jedenfalls nicht. Der Einzige der wirklich den Überblick hat ist unser Papa. Der weiß wirklich Bescheid. Aber für mich war es so, dass diese ganze doofe Geschichte damit anfing, dass wieder einmal zwei Neue kamen. Es kommen immer mal Neue, besonders, wenn wieder eine von diesen tollen Konferenzen gewesen ist. Im Grunde ist gar nichts Besonderes an Neuen, denn richtig überlegt, sind sie einfach nur Kinder wie wir auch.

Wir waren auch alle mal “neu“, aber so richtig erinnern tut sich keiner von uns mehr. Ich meine, daran, wie das mal war, als wir auch als die Neuen im Schloss erschienen. Kleine, unsichere Jungen und Mädchen, die mit großen Augen alles bestaunten. Aber warum es immer Neue gibt? Na ja, Papa hat eben so ein großes Herz, dass er immer wieder neue Kinder adoptiert. Wir wissen nicht so genau was das ist, „adoptieren“, aber es bedeutet eben, dass die Neuen auf einmal da sind. Mit neuen Kindern ist das immer eine tolle Sache. Wir zeigen ihnen alles, das Schloss, den Garten, den ganzen Park und wir spielen zusammen. Aber es hat manchmal auch so seine Nachteile. Damit meine ich gar nicht mal, dass wir alle mit anfassen müssen, wenn neue Unterkünfte gebaut werden oder wir beim Essen eine Menge Dreck haben, weil wieder der Speisesaal erweitert wird und wir dann quasi auf einer Baustelle speisen. Das ist zwar einerseits abenteuerlich, aber wenn einem der Putz in die Suppe fällt oder man im Fleisch einen Brocken Gips findet, dann fragt man sich, ob es wirklich sein muss, dass Papa immer so viele Neue adoptiert. All das ginge noch, nur, wenn sie einem dann den Platz wegnehmen, das führt nun wirklich zu weit. Mir ist das mit Keno so passiert. Er war kaum angekommen, da saß er auf meinem Stuhl und grinste nur frech, als ich ihn aufforderte woanders hinzugehen.
„Es gibt hier keine Stammplätze,“ erklärte er oberlehrerhaft und das Schlimme daran war, dass ich nicht wusste was ich entgegnen sollte, denn genau das sagt Papa auch immer. Nur, Keno sagt es in so einer Art, die wirklich total daneben ist. Er spielte sich so richtig auf, dabei war er gerade erst einen Tag da und trotzdem hatte er sich schon so richtig unbeliebt gemacht. Bei mir jedenfalls. Mit ihm zusammen kam übrigens auch Sarah. Und mit Sarah war das so eine Sache. Sie hatte sich verlaufen, ich hatte sie gerettet und immer wenn sie mich anschaute bekam ich diese Bauchschmerzen. Selbst Mutter Theresa hatte nichts gegen diese Beschwerden, dabei hat sie sonst gegen oder für alles etwas. Ich hatte sogar das Gefühl, dass sie sich etwas über mich lustig machte. Tatsache war, ich freute mich trotz der Bauchschmerzen immer, wenn ich Sarah sah, aber wenn sie mich dann mit ihren wunderschönen Augen so anschaute, dann bekam ich zusätzlich auch noch diese Sprachstörungen. Also, das fand ich schon seltsam. Sonst stottere ich ja nicht. Höchstens, wenn ich mal was angestellt habe und ich zur Rede gestellt werde und es noch so ein bisschen mit der Wahrheit klemmt. Aber davon einmal abgesehen habe ich nie Schwierigkeiten mit jemandem zu reden und ich kann mir das bei Sarah überhaupt nicht erklären, denn eigentlich ist sie ja ganz nett. Im Gegensatz zu Keno! Das kam auf dem Fest so richtig heraus. Das mit dem Fest muss ich noch kurz erklären, also wir feiern viel in unserem Schloss und wenn wieder Neue da sind, da gibt es nichts, da muss einfach gefeiert werden. So war es auch diesmal. Ich hatte mich auch schon so gefreut. Vor allem wegen Sarah. Wenn es nur Keno gewesen wäre, wer weiß, ob ich überhaupt gekommen wäre. Trotz des guten Essens und allem. Tatsächlich hätte ich auch gar nicht hingehen sollen, denn natürlich machte Keno gleich wieder Stunk. Ich wollte gerade am Büfett nachschauen, was es alles Leckeres für mich gab, da sah ich, wie sich Keno an Sarah ran machte. Und nicht nur das, er nahm sie ganz vertraut in den Arm und lachte. Und Sarah lief nicht etwa weg, sondern kicherte so komisch und dabei peilte Keno immer wieder zu mir rüber. Klar, dass ich da keinen Appetit mehr hatte. Nun sagt Papa immer, dass wir friedlich mit einander umgehen sollen. Wir sollten über alles reden und die Streitpunkte im guten Einvernehmen aus der Welt schaffen. Da hat er natürlich Recht. So etwas ist immer besser und natürlich mache ich das auch immer. Aber wenn sich einer so mies verhält wie dieser Keno, dann wird es mit dem friedlichen Einvernehmen schon schwierig. Trotzdem behielt ich die Ruhe. Ich dachte, ich warte auch erst einmal ab, es gibt bestimmt noch eine gute Gelegenheit es ihm heimzuzahlen. Wir sollen einander eigentlich nicht heimzahlen. Papa sagt, es ist schon alles bezahlt und das muss reichen. Ich hatte das mit dem Heimzahlen auch nicht so direkt gemeint, sondern mehr als Option, falls nichts Anderes mehr fruchtete. Wobei ich schon ziemlich klar erkannte, dass bei jemandem wie Keno wohl nichts Anderes fruchten würde. Aber wie auch immer. Zunächst behielt ich, wie gesagt, einmal Ruhe und das war ja schon mal ein guter Anfang und auf alle Fälle ganz im Sinne von Vati.
Als das Orchester zum Tanz aufspielte kam meine Gelegenheit. Ich hatte Ole losgeschickt um Keno abzulenken und war gleich zum ersten Takt bei Sarah, um sie zum Tanzen aufzufordern. Sie war wohl etwas überrascht, als ich so, wie aus dem Nichts, vor ihr auftauchte. Aber dann hatten wir viel Spaß beim Tanzen. Auch wenn ich ihr ein paar Mal auf die Füße trat, sie meinte immer, das mache gar nichts und hätte überhaupt nicht weh getan. Sarah fühlte sich dabei die ganze Zeit so zart an und sie duftete so schön, dass ich nach einer Weile dachte, ich bin so leicht, ich hebe gleich ab und fliege durch den ganzen Saal. Und wenn wir so herum wirbelten, dann wirbelten auch ihre Haare umher und immer wieder kitzelten sie mich in der Nase. Aber wie es scheint, kann nicht einfach mal etwas nur toll sein, daher gab es auch ein paar doofe Sachen über das Tanzen zu berichten. Also, da war zum einen das Tanzen an sich. Ich kann das eigentlich gar nicht so gut, aber Papa sagt, wenn einer etwas nicht so gut kann, soll man sich nicht über ihn lustig machen, sondern man soll ihn ermutigen. So macht Papa es auch immer. Aber Torben und Keno hatten anscheinend noch nie etwas davon gehört. Die beiden Blödmänner standen am Rande der Tanzfläche und immer wenn Sarah und ich an ihnen vorbei kamen, machten sie ganz doofe Bemerkungen. Zum Beispiel, dass Leute die nicht tanzen können, es lieber lassen sollten - und, dass Störche ja auch nicht tanzen würden, aus gutem Grund. So richtig spöttisch, eben. Vielleicht lag es auch ein wenig daran, dass ich gestern noch vor Thorben so geprahlt hatte, dass ich so etwas Blödes wie Tanzen ja nie im Leben machen würde. Das musste mir so versehentlich heraus gerutscht sein, anders kann ich mir das gar nicht erklären. Außerdem kannte ich Sarah da ja noch gar nicht. Ich tat so, als hörte ich das Abgelästere gar nicht und hoffte, Sarah würde es auch nicht so hören. Und natürlich ließ ich mir den Spaß überhaupt nicht verderben, wäre ja noch schöner! Aber Sarah und ich waren dann auch bald dermaßen erschöpft, dass wir eine Pause einlegen mussten. Als ich zum Büfett kam, musste ich leider feststellen, dass die Nichttänzer ganz schön abgeräumt hatten. So etwas finde ich natürlich gar nicht gut. Denn nicht nur, dass sich Leute wie Thorben und Keno wie Spielverderber aufführen, nein, sie nutzen die Gelegenheit auch noch ganz egoistisch, um einem alles wegzufressen. Und zwar gerade die ganz besonders leckeren Sachen, die ich schon für mich reserviert hatte. In Gedanken zumindest. Dann sah ich mich nach Sarah um und musste feststellen, dass sie irgendwie verschwunden war. Ich dachte, ich solle sie wohl besser mal suchen, damit sie sich nicht wieder verirrt und lief einmal durch das ganze Schloss. Leider vergeblich. Dann musste ich auch noch auf das Klo und als ich wieder kam, erhielt ich einen richtigen Schlag ins Gesicht. Natürlich nicht wirklich, aber es fühlte sich trotzdem fast so an. Ich erblickte nämlich Keno mit Sarah auf der Tanzfläche. Genau: der Keno, der eben noch über mich und das Tanzen so gelästert hatte und der schon Stunk machte, seitdem er hier im Schloss angekommen war. Am liebsten wäre ich hingegangen und hätte ihn weggeschubst, aber dann merkte ich noch gerade rechtzeitig, dass Papa in der Nähe war und schon zu uns herüber schaute. Also musste ich mir etwas Anderes ausdenken. Und mir fiel auch gleich etwas ein. Ich hatte mal gehört, dass man eine Tänzerin abklatschen kann. Das ist ganz einfach. Man geht hin, klatscht in die Hände und der andere Tänzer muss gehen. Eine schöne Regelung, die ich sofort ausprobierte. Aber Keno schien diese Regelung natürlich nicht zu kennen. Er tanzte einfach weiter, so als wäre ich überhaupt nicht da. Ich versuchte es noch mal und weil er immer noch so tat als gäbe es mich nicht, musste ich es so lange probieren und so laut klatschen, bis er ärgerlich wurde und rief, ich solle das lassen, das würde ihn stören und es sei kindisch hier so herumzuklatschen. Klar, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen konnte. Ich rief ihm zu, er sei ein waschechter Blödmann, wenn er das Abklatschen nicht kennen würde. Das wiederum wollte er natürlich nicht auf sich sitzen lassen und so ging es hin und her mit uns, bis Sarah auf einmal stehen blieb und meinte, dass sie dieses Gestreite ganz widerlich fände. Und am Ende blieb Keno und mir nur noch zuzusehen, wie sie schnurstracks den Saal verließ.

„Das hast du nun davon du Idiot,“ fauchte ich, worauf hin mich dieser waschechte Blödmann auch noch ganz unfair schubste, dass ich über die Füße von Thorben fiel, der seine langen Flunken natürlich ausgerechnet in diesem Moment direkt hinter meinen hatte. Mitten in dem daraufhin losbrechenden Tumult erschien dann Papa. Das war im Grunde genommen ganz gut, denn so hatte der Streit wenigstens ein Ende. Aber auf der anderen Seite war mir die Sache natürlich auch ganz schön peinlich. Ist ja klar. Papa ist jedoch zwar streng, aber nicht hart. Er ermahnte uns tüchtig und fragte uns dann, vor versammelter Mannschaft, ob einer von uns eigentlich eine Idee hätte, was wir hier feierten? Wir schauten uns betreten an. Klar, dass wir die Neuen feierten. Aber ich musste auch feststellen, dass es in meinem Bauch einen Bereich gab, der sich fragte, was es bei neuen Kindern wie Keno überhaupt zu feiern geben mochte. So wie Papa gerade aussah, wollte ich allerdings nichts zu diesem Gedanken sagen.
„Ihr habt alle mal als Neue hier angefangen,“ meinte der in diesem Augenblick, „schon vergessen?“
Ich glaube, es nützt überhaupt nichts, wenn man versucht seine Bauchgedanken vor Papa geheim zu halten. Er kennt sie immer schon, wahrscheinlich sogar schon, bevor man sie selber kennt.
„Passt mal auf,“ meinte er dann, „so wie ich die Sache sehe, hat es wenig Sinn, wenn wir jetzt einfach so weiter machen wie bisher.“
Ein vielstimmige „Oooh“ ertönte.
Papa lächelte.
„Ich habe nicht gesagt, dass die Feier zu Ende ist,“ meinte er dann, „aber wir machen eine kleine Programmänderung. Ich erzähle euch eine Geschichte.“
Jetzt ertönten ganz viele „Aaahs“, denn wir alle mögen Papas Gesichten sehr gern. Und wir betteln immer, dass er uns dann noch eine erzählt. Ich mag die Geschichten auch sehr gern und ich verpasse nie eine. Nur heute gerade nicht. Heute war mir nicht so danach wie sonst. Daher nutzte ich das ganze Durcheinander, als alle die Stühle neu hinrückten, damit sie gut zuhören konnten. Und bevor es überhaupt losging, war ich längst unbemerkt davon geflutscht.
Einerseits war ich ziemlich erleichtert, andererseits hatte ich auch ein reichlich doofes Gefühl, ich meine, weil ich so abgehauen war. Aber ich sagte mir die ganze Zeit über, dass ich eben ein wenig Ruhe brauchte. Um wieder runter zu kommen, damit ich mich nicht so über Keno und Thorben aufregte. Denn so etwas sollen wir ja nicht. Und da ist es im Grunde doch auch gut so, dass ich mich etwas zurückziehe.
Als ich aber feststellte, dass ich eine Stunde lang nichts anderes tat, als in alle Zimmer des Schlosses zu schauen, merkte ich, dass ich eigentlich nicht auf der Suche nach der verloren gegangenen Ruhe war, sondern, dass ich Sarah suchte. Und als ich sie nicht fand, wusste ich auf einmal, dass sie sich ja wohl sicher im großen Saal war. Ganz bestimmt saß sie neben Keno und ich war abgemeldet. So, wie sich dieser Gedanke in meinem Bauch anfühlte, blieb mir nichts anderes, als aus dem Schloss zu rennen und durch den Garten im Park zu verschwinden, dort wo die Bäume am dichtesten sind, wo der Park langsam zu einem richtigen Wald wird. Dort konnte ich wenigstens mal in Ruhe weinen. Und das tat ich dann auch ausgiebig, bis ich feststellte, dass es mittlerweile so dunkel geworden war, dass man die Bäume schon kaum noch richtig erkennen konnte.

Ich erschrak. Nicht so sehr, weil es so dunkel war - ich habe nämlich keine Angst im Dunkeln, ich mag es nur nicht, wenn man nicht sehen kann was um einen herum ist – es war mehr, weil ich gar nicht mitbekommen hatte, wie es auf einmal so spät geworden war. Während ich jetzt aber so im Wald stand und in mich hinein horchte, hörte ich auch etwas von außen. Ich horchte genau und dachte, es hörte sich an, als ob jemand im Wald steht und weint. Fast wie ein Echo, aber das konnte ja nicht sein. Es hörte sich ziemlich weit weg an und ohne, dass ich wirklich darüber nachdachte, setzte ich mich in Bewegung. Leise natürlich. Also, es nicht etwa so, dass ich neugierig bin. Ich möchte nur einfach wissen, was so um mich herum vorgeht. Und natürlich auch, was das wohl für ein Jemand ist, der hier mitten in der Nacht, in Dunkelheit und Kälte, im Wald steht und heult. Irgendwie merkwürdig ist das ja schon. Zum Glück kann ich gut anschleichen. Wir spielen ja auch oft Indianer und so etwas. Aber als ich nach ein paar Metern um ein Gebüsch herum steuerte, erkannte ich, dass ich mich geirrt hatte. Das Weinen war nicht weit weg. Es war gleich hinter dem Busch, aber so leise, dass ich gedacht hatte, es sei weit weg. Ich war dermaßen erschrocken, dass ich das Bremsen vergaß und mit dem Schatten zusammen prallte.
„Pass doch auf du Blödmann,“ hörte ich Sarah schimpfen.
„Ich ..., ich hab’ dich gar nicht gesehen ...,“ stammelte ich und merkte erst jetzt, dass ich mich gar nicht an einem Ast festhielt, sondern an Sarahs Arm. Ich daher lieber gleich los, und es bestand ja im Augenblick keine Gefahr mehr hinzufallen. Obwohl: irgendwo weit hinten registrierte ich, dass meine Knie doch bedenklich weich waren.
Für einen Augenblick war bei uns beiden Sendepause.
„Oh,“ hörte ich den Schatten sagen, der Sarah war, „du bist es ...“
Es hörte sich an, als ob sie mich für einen ganz anderen gehalten hatte. Dann war Sendepause. Nur das trockene Laub knisterte - weil wir so verlegen von einem Fuß auf den anderen traten.
„Ich hab’ dich weinen gehört,“ sagte ich auf einmal. Irgendwie klang das gut. Eigentlich war es mir mehr oder weniger so rausgerutscht, weil die Stille so peinlich wurde und ich dachte, ich muss jetzt einfach mal was sagen. Egal was. Aber jetzt wo es raus war klang es irgendwie toll, so, als hätte ich mich fürsorglich durch das ganze Gebüsch gekämpft, nur um Sarah beizustehen. Ich kam mir auch sofort unglaublich ritterlich vor und dachte, dass Sarah jetzt bestimmt total beeindruckt von mir war. Allerdings meldete sich da auch so ein kleiner, fieser Gedanke im Hinterkopf und der wollte mir überhaupt nicht gefallen, denn wenn ich Sarah hatte hören können, dann war es ja theoretisch auch möglich, dass sie mich gehört hatte. Und ich glaube, es wäre mir nicht Recht gewesen. Ich meine, warum gehe ich wohl die ganze Strecke in den Wald um zu weinen, doch wohl, damit mich eben niemand hört und da hätte ich es gar nicht gut gefunden, wenn sie mich einfach so belauschte.
Sarah schniefte noch ein letztes Mal, dann nickte sie.
„Warum bist du so traurig?“ wollte ich nun wissen. Irgendetwas musste ich ja sagen.
„Ach,“ kam es von ihr, wie ein Seufzer, „ich weiß auch nicht so genau ...“
„Oh je,“ dachte ich, „nicht jetzt so eine Mädchenantwort ...“
„Aber warum denn,“ hakte ich nach und tat so, als sei nichts.
„Na ja,“ machte sie gedehnt, „zuerst habe ich wohl geheult, weil mein Bruder sich so mies verhalten hat und weil er ...“
„Bruder!?“
Ein plötzlicher Schwall an Gedanken schwappte durch mein Gehirn und legte mich so vollständig lahm, dass ich nichts weiter aufnehmen konnte. Alles was Sarah jetzt noch sagte, rauschte einfach so an mir vorbei. Keno, etwa? Na klar, es konnte ja kein anderer gemeint sein. Keno war Sarahs Bruder. Das war eine völlig veränderte Lage. Ich meine, deswegen war er ja nicht weniger doof, aber er fiel als Konkurrent aus und das war ja wohl die erste gute Nachricht seit langem. Auf einmal fiel es mir ganz leicht Sarah zu trösten. Ich meinte, sie solle sich da mal keine grauen Haare wachsen lassen, so schlimm sei ja alles nichts gewesen ..., lauter solche Sachen halt und, oh Wunder, es funktionierte sogar. Sarah wurde immer ruhiger und dann konnte ich in der Dunkelheit sogar ein erstes Lächeln wahrnehmen.
„Das ist mir ja auch schon klar geworden,“ meinte sie dann, „aber dann musste ich weinen, weil es jetzt so dunkel ist und ich nicht wieder zurück finde.“
„Wieder mal verlaufen?“ neckte ich sie großmütig. „Da ist es ja ein Glück, dass ich gerade vorbei gekommen bin.“
„Ja,“ entgegnete sie, „genau, und wo du gerade da bist, könntest du mich eigentlich gleich mal retten.“
Es klang irgendwie ein bisschen verschmitzt. Einen Augenblick stutzte ich und fragte mich, ob sie mich damit eventuell auf den Arm nehmen wollte, entschied mich aber dagegen. Ich bot ihr meine Hand und begann sie zu retten, so etwas muss man mir ja nicht zweimal sagen. Zum Glück kenne ich hier jeden Meter in- und auswendig. Auch bei Dunkelheit. Ich sagte ja schon, dass wir hier immer anschleichen gespielt hatten, als Indianer und so. Das erklärte ich auch Sarah, damit sie keine Angst mehr haben musste, denn ich hatte das deutliche Gefühl, dass sie im Dunkeln und im Wald immer ziemlich Angst hatte. Dabei braucht man hier ja überhaupt keine Angst haben, dieser Wald gehört ja zum Schloss und das Schloss gehört zu meinem Vater. Na, okay, jetzt ja sogar zu unserem Vater und hier gibt es nichts Böses. Jedenfalls, wenn man mal von Keno absieht. Und der ist ja im Grunde auch nicht böse, sondern nur ein bisschen doof. Aber wie immer auch. Man braucht hier wirklich keine Angst zu haben, das ist ja klar. Ich lauschte auch nur vorsichtshalber in das undurchdringliche Dunkel, weil es immer mal wieder so komisch knackte und raschelte und weil es ja immer besser ist, ein bisschen vorsichtig zu sein. Letztlich kann man ja nie wissen, wer oder was sich alles in so einem nächtlichen Wald herumtreibt. Ich meine, und sei es nur aus Versehen, denn, wir hatten uns ja auch hier verirrt. Okay, stimmte nicht ganz. Denn wir hatten uns ja nicht verirrt, sondern letztlich war es nur Sarah gewesen und das ist ja auch nicht so schlimm, denn Mädchen haben nun mal keinen richtigen Orientierungssinn. Und auf diese Weise konnte ich sie immerhin wieder retten. Tatsächlich fühlte es sich wunderschön an, ihre Hand zu halten und ihre Nähe zu spüren. Und die ganze Zeit über unterhielten wir uns über alles Mögliche – keine Ahnung was alles, es sprudelte nur so aus uns heraus und wir merkten gar nicht wie die Zeit verging. Nur, dass es am Ende irgendwie kalt wurde. Nach dem wir eine Weile schweigend weiter gestapft waren kam es mir jedoch etwas seltsam vor, dass das Unterholz immer dichter wurde. Und ich dachte, eigentlich hätten wir längst den Park erreichen müssen. Wenn man es genau bedachte, hätte wir längst im warmen Festsaal sein und die Reste des leckeren Büfetts verspachteln müssen. Aber weil ich Sarah keine Angst machen wollte, sagte ich erst einmal noch nichts. Doof war jedoch, dass es immer dunkler zu werden schien und man überall so merkwürdige Geräusche hörte, wie so von Tieren, die keiner kennt. Aber weil ich ja wusste, dass ich nicht wirklich Angst zu haben brauchte, ging ich tapfer weiter. Jedenfalls so weit, bis mein Mut aufgebraucht war. Jetzt stellte es sich als gut heraus, dass Sarah da war. Ohne sie hätte ich bestimmt heftig losgeheult. Aber ich wusste ja, dass ich mir das nicht erlauben durfte. Wenn man ein Mädchen mag, dann muss man immer stark sein und darf sich keine Schwäche erlauben. Niemals! Sonst halten sie einen für ein Weichei und gehen nicht mehr mit einem, das wusste ich von den anderen Jungs. Sarah hätte wahrscheinlich sofort meine Hand losgelassen und bestimmt hätte sie mich ausgelacht. Deshalb durfte ich auch um keinen Preis der Welt zugeben, dass ich mich verirrt hatte. Ich arbeitete daher auch seit geraumer Zeit sehr fieberhaft an einer überzeugenden Erklärung, warum es nicht so war wie es aussah, sondern im Grunde ganz anders und dass ich natürlich alles im Griff hatte. Am meisten liebäugelte ich mit der Version, dass ich diesen Umweg extra gemacht hätte, um ihr mal zu zeigen wie toll dieser Teil des Waldes aussah. Gerade bei Nacht. Okay, es war im Grunde nicht wirklich überzeugend, denn im Augenblick sah man kaum die Hand vor Augen. Aber die anderen Versionen waren noch dünner gestrickt, also musste es so gehen. Ich wollte auch schon ansetzen und Sarah ein paar Erklärungen abgeben, als sie stehen blieb und meine Hand so festhielt, dass ich auch stehen bleiben musste. Wie ein Schatten stand sie dicht vor mir, nur ihre Augen glänzten etwas in dem schwachen Restlicht, welches sich durch das dichte Blätterdach noch Zutritt verschafft hatte.
„Du,“ hörte ich sie aus der Dunkelheit sprechen, „aber warum hast du denn vorhin eigentlich so geweint?“
Ich wollte schon alles abstreiten, wollte sagen, dass ich das unmöglich gewesen sein könne, schließlich würde ich niemals weinen, vielleicht hätte sie einfach ein komisches Tier gehört, dass vielleicht Schnupfen gehabt hätte oder so etwas. Aber im Grunde gefiel mir die Vorstellung selber nicht, dass es hier irgendwelche komischen Tiere geben könne, die Schnupfen hatten oder womöglich noch richtig gefährlich waren. Letztendlich konnte das ja auch niemand ausschließen, selbst wenn dieser Wald unserem Vater gehörte, so war Papa doch gerade nicht da, sondern irgendwo dort in dem warmen Festsaal, wo sie jetzt alle den tollsten Spaß hatten, nur wir nicht. Und dann war da noch etwas: wo ich gerade an Papa dachte, fiel mir ein, dass er ja immer wieder sagt, dass wir nicht lügen sollen. Und wenn wir es irgendwie vermeiden können, dann lügen wir auch niemals. Einen Augenblick lang war ich versucht anzunehmen, dass es sich hier eben um einen solchen unvermeidlichen Fall handeln würde, aber, am Ende wusste ich gar nicht warum ich es Sarah dann doch ganz offen erklärte. Okay, „ganz offen erklärt“ war vielleicht ein bisschen weit gefasst, so ganz detailliert sollte sie das ja nun wirklich nicht erfahren. Aber es kam schon etwas von Keno und ihr in der Erklärung drin vor. Seltsam, dass sie mich gut zu verstehen schien. Ich glaube, es war gar nicht nötig, dass ich so viel erklärte. Sie verstand mich einfach. Aber was mich am meisten wunderte war, dass Sarah meinte, wie toll sie es finden würde, dass ich ein Junge mit Gefühlen sei, einer, der sich sogar traue mal zu weinen.
Wow!

Ich meine, also, so hatte ich das Ganze noch nie gesehen. Und wie sie mir dabei die Hand festhielt und drückte, da konnte mir die ganze nächtliche Kälte auf einmal kaum noch etwas anhaben. Alles, was ich mich anschließend fragte war, warum einem das keiner mal vorher sagte, ich meine, dann bräuchte man ja vielleicht gar nicht immer so schrecklich cool und stark tun müssen. Aber okay. Unser Problem löste sich davon natürlich auch nicht. Ich konnte nur hoffen, dass mir da gleich mal eine geniale Lösung einfiel. Oder noch besser, dass ich endlich einen Hinweis finden würde, der uns auf den rechten Weg zurück brächte, damit wir so schnell wie möglich aus der Kälte raus und in den Festsaal hinein kämen.
„Weißt du, eigentlich noch genau wo wir sind?“ wollte Sarah da wissen.
Einen Augenblick stand ich unschlüssig. Natürlich lag das großspurige „klar, natürlich,“ schon auf meiner Zunge, aber so wie Sarah es fragte, klang es klein und zerbrechlich und ich dachte, eigentlich fühle ich mich genauso wie sie und wenn sie von mir jetzt was Großartiges erwartet, dann muss ich sie leider enttäuschen. Und wenn sie dann enttäuscht ist, dann ist das eben so. Also schüttelte ich den Kopf. Erst als sie nicht reagierte fiel mir ein, dass sie das bei den Lichtverhältnissen womöglich gar nicht sehen konnte und so blieb mir nichts anderes übrig als die ungeliebte Wahrheit laut und deutlich auszusprechen: „Nein, ich weiß es auch nicht, wo wir sind. Nein, ich habe es die ganze Zeit über nicht gewusst, ich habe nur so getan als ob. Und, nein, ich habe nicht den Schimmer einer Ahnung wie wir zurück kommen.“
Aber, oh Wunder, Sarah ließ mich nicht los, schob mich nicht weg; sie lachte auch nicht oder zickte rum. Sie schwieg nur einen Augenblick.
„Bei Licht wäre es wahrscheinlich leichter,“ meinte sie dann nach einer Weile.
Ich glaube, ich war ihr total dankbar für ihre Reaktion. Einfach weil ich so Angst hatte, wieder einmal als Blödmann zu gelten. Und so wie sie es sagte, konnten wir jetzt einfach mal überlegen, welche Möglichkeiten wir hatten, ohne dass einer von uns Schuld an der Misere zu haben brauchte. Das hatte etwas enorm Erleichterndes.
„Weißt du was,“ kam es da wieder von Sarah. Ich verneinte, denn ich hatte im Augenblick nicht das Gefühl auch nur irgendetwas zu wissen. Das machte ihr aber nichts, denn sie fuhr sogleich fort: „es ist gut, dass du da bist, ich glaube, ich hätte allein ganz schreckliche Angst.“
Schweigen.
Mir wurde extrem warm ums Herz. Tatsache war, dass ich allein auch schrecklich Angst gehabt hätte, andererseits fand ich, dass ich mein Quantum Ehrlichkeit schon so ziemlich übererfüllt hatte. Selbst Mutter Theresa sagte ja immer „Allzu viel ist ungesund!“ Auch wenn sie damit meistens meinte, wir sollten nicht so viel vom Teig naschen, wenn sie gerade dabei war Kekse für alle zu backen. Aber ich fand, es passte auch hier ganz gut.
„Papa wüsste wie es nach Hause geht,“ erklärte ich statt dessen, obwohl ich natürlich wusste, dass uns das auch nicht wirklich weiterhelfen würde.
„Vielleicht könnten wir ihn rufen,“ überlegte Sarah, „ich glaube, er würde sofort kommen und uns retten.“
„Nun,“ machte ich gedehnt. Sehr gedehnt, denn ich war nicht so überzeugt, wollte sie aber auch nicht entmutigen, „es könnte ja klappen, aber das Schloss ist bestimmt sehr weit entfernt und die Bäume sind im Weg. Und dann sind sie alle im Festsaal und haben vermutlich auch noch Musik an. Ich weiß nicht, ob wir so laut brüllen können.“
Tatsächlich wäre mir das auch unglaublich peinlich gewesen, so laut brüllen zu müssen. Womöglich hätten uns noch Keno oder Thorben gehört. Das wäre ja nicht auszudenken gewesen. Aber dann hatte ich eine Idee. Mir fiel nämlich genau in diesem Augenblick wieder ein, was Papa einmal gesagt hatte: „Wenn du in einer Situation bist, wo du nicht mehr weißt, was du machen sollst und ich bin gerade nicht in der Nähe, dann folge deinem Herzen.“
Das war schon ein knappes Jahr her, dass Papa das mal gesagt hatte und ich muss gestehen, damals habe ich mir nicht viel daraus gemacht. Ich hatte es gehört und vergessen, ich konnte mir wohl gar nicht vorstellen, dass Papa mal nicht in der Nähe sein könnte. Na ja, wie auch immer, jetzt fiel es mir zum Glück wieder ein und ich erzählte Sarah davon. Die schwieg einen Moment, dann stimmte sie mir begeistert zu und meinte, das sei ja wunderbar und genau das würden wir jetzt machen, dann würden wir - eins, zwei, drei - wieder zurück sein und uns im schönen Festsaal aufwärmen können.
Nun, ich fand es schon ziemlich erwärmend, dass Sarah so begeistert auf meinen Vorschlag reagierte, allerdings stellte sich sogleich ein neues Problem ein. Wir hatten beide keine Ahnung, wie wir das jetzt genau machen sollten. Nur während Sarah das für sich relativ rasch löste und meinte, sie würde einfach mal eine Weile still in sich hinein horchen und dann würde sie ja schon sehen was passieren würde, fühlte ich mich ziemlich verkrampft an. Ich erkannte, dass ich noch nie in meinem Leben darauf gehört hatte, was mein Herz sagte. Ich wusste gar nicht, ob mein Herz überhaupt mit mir sprechen würde. Jetzt tat es das jedenfalls nicht. Es schlug laut und kräftig in meiner Brust, vielleicht etwas zu laut zu schnell und ich merkte, dass ich trotz Kälte auch ziemlich zu schwitzen begonnen hatte. Außerdem rauschte etwas ganz laut in meinen Ohren. Ein Blick zu Sarah zeigte mir, dass sie diese Probleme nicht zu haben schien. Sie sah ganz entspannt aus und sogar in der Dunkelheit konnte ich erkennen, dass ein leichtes Lächeln über ihre Mundwinkel huschte. Was hatte sie gesagt? Ich horche einfach mal in mich hinein ... So leicht ging das? Warum war in mir eigentlich nur Chaos, wenn ich in mich hinein horchte?
Dann fiel mir jedoch ein, dass mein Herz auch schon mal mit mir gesprochen hatte. Beispielsweise hatte es mir schon desöfteren gesagt, wann es etwas zu Essen gab und wie durch Zufall oder Fügung war ich gerade bei den leckersten Mahlzeiten immer rechzeitig aufgetaucht.
Okay, dachte ich, vielleicht war das mehr der Magen der da gesprochen hatte, aber möglicherweise machte das in diesem Fall ja gar keinen so großen Unterschied. Also achtete ich mehr darauf, was mein Magen sagte und ich hatte das deutliche Gefühl, dass er mich nach hinten zog. Ich machte den Gegentest und dreht mich um. Tatsächlich, jetzt zog er mich nach vorne. Damit war der Fall für mich klar. So einfach wurde es dann natürlich nicht. Sarah hatte nämlich auch gerade alles mit ihrem Herzen besprochen und sie erklärte voller Zuversicht und Leidenschaft, dass wir unbedingt nach Links müssten. Von ihr aus gesehen. Von mir aus, war das rechts, aber das machte die Sache auch nicht besser, denn ich war ja überzeugt, dass wir nach vorne musste, von ihr aus gesehen, nach hinten. Das wiederum wollte sie nicht, mit anderen Worten: wir hatten ein Problem!
Um eine lange Geschichte kurz zu machen, wir beredeten die Sache von allen Seiten und kamen zu keinem Ergebnis. Auch mein Vorschlag, das Problem demokratisch zu lösen, brachte uns letztlich nicht nach vorne. Am Ende war ich so durcheinander, dass ich gar nichts mehr wusste, auch nicht was mein Herz – oder war es doch nur mein Magen? – gesagt hatte und dass wir einfach machten was Sarah sagte. Also nach links gehen - von mir aus rechts, ist ja klar. Später lernte ich, dass das ganz normal ist, in dem Moment war ich jedoch ziemlich frustriert und auch etwas verärgert. Mit einem Wort: Mädchen! Und ich hatte die ganze Zeit die wir dann durch den dunklen Wald gingen eine ganze Menge von „Siehst du!“ und „Hab ich doch gleich gesagt!“ in mir drin, denn unser Marsch zog sich und auch so ein Nörgeln wie: „Wir hätten doch besser in die Richtung gehen sollen, die ich gesagt hab’“.
Weil es sich auf der anderen Seite jedoch so schön anfühlte, Sarah an der Hand zu halten und so Seite an Seite dieses Abenteuer zu erleben, sagte ich nichts davon. Darüber war ich nach einer geraumen Weile übrigens ziemlich froh, denn auch wenn es lange dauerte, schließlich sahen wir in der Ferne ein Licht zwischen den Bäumen schimmern und dann war der Wald auch schon vorbei und jetzt kannte ich mich auch wieder aus. Nur wenige Minuten später schritten wir lachend durch das große Tor des Schlosses.

Zwei Dinge bemerkten wir kurz darauf. Das eine war, dass wir ganz schön müde und abgekämpft waren, das andere war, dass es sehr, sehr still im Schloss war. Ich meine, wenn hier eine Feier am Laufen war, dann hätte man doch etwas davon hören müssen, oder? Ich erschrak und dachte für einen Augenblick, es wäre vielleicht schon Mitternacht durch, die Party zu Ende und alle seien bereits im Bett. Aber dann zeigte ein Lichtschimmer unter der Tür zum Thronsaal, dass dort noch jemand sein musste. Wir lauschten erst einmal vorsichtig, denn vielleicht waren auch nur die Diener mit Saubermachen zu Gange. Alle Furcht war jedoch vergebens, denn wir hörten Papas Stimme. Ganz ruhig, so als erzähle er eine Geschichte. Sonst hörte man nichts. Wir schauten uns betreten an. Wenn es so still war und Papa eine Geschichte erzählte, dann war es natürlich nichts mit unserem Plan, uns im allgemeinen Trubel heimlich einzuschleichen und so zu tun, als sei gar nichts.
Wir versuchten es trotzdem so leise wie möglich und das war auch genau richtig, so weckten wir keinen auf. Es war ein verrücktes Bild. Alle Kinder hingen auf ihren Stühlen oder lagen auf dem Boden und alle schliefen, während Papa fröhlich auf seinem Thron saß und noch dabei war seine Geschichte zu Ende zu erzählen. Er nickte uns zu und war überhaupt nicht überrascht uns zu sehen, aber er unterbrach seine Geschichte keinen Moment. Was blieb uns übrig, da waren noch zwei Stühle frei, direkt vor Papas Thron, also schlichen wir auf Zehenspitzen um die leise schnarchenden, zufrieden lächelnden Schläfer und setzten uns so geräuschlos wie möglich. Erst jetzt, nach einmal tief Durchatmen war ich in der Lage zu verstehen, was für eine Geschichte Papa gerade erzählte. Es kamen zwei Kinder darin vor, die sich verirrt hatten. Kam mir irgendwie verdächtig bekannt vor. Ich weiß nicht, was sie alles erlebt hatten, aber die Geschichte endete damit, dass sie wieder nach Hause fanden und dabei gelernt hatten, auf die Stimme ihres Herzens zu hören. Kam mir auch verdächtig bekannt vor. Und weil das alles so verdächtig klang, dachte ich, ob Papa wieder einmal genau gewusst hatte, was passiert war und ob es da nicht ein Zusammenhang zwischen der Geschichte und unserem Eintreffen gab. Oder, anders gesagt: man musste schon ziemlich blind sein um diesen Zusammenhang nicht zu erkennen. Ich wollte gerade Sarah fragen, ob sie das auch gemerkt hätte, aber das erwies sich als vergeblich. Sie hatte keine drei Minuten gebraucht um auf ihrem Stuhl einzuschlafen.
Als die Geschichte zu Ende war blickte Papa mich an und lächelte. Dann winkte er mich zu sich und ich ließ mich nicht lange bitten, sondern kletterte schnurstracks auf seinen Schoß. Manchmal habe ich schon gedacht, ich wäre vielleicht etwas zu groß dazu, noch auf Papas Schoß zu sitzen, aber der Gedanke kam mir heute gar nicht.
„Siehst du,“ meinte er nach einer Weile, „man muss nur Geduld haben. Ich habe solange Geschichten erzählt, bis ihr wieder da wart.
Ich seufzte.
„War auch nicht ganz einfach,“ meinte ich. Ich klang rechtschaffen müde.
„Aber du hast etwas ganz Wichtiges gelernt.“
„Hm,“ brummte ich.
Es war nicht zu leugnen, dass dieses „Hm“ etwas unbestimmt klang, aber genau so sollte es auch klingen. Ich wollte Papa ja nicht direkt widersprechen, aber ich hatte auch nicht wirklich das Gefühl etwas gelernt zu haben.
„Du bist nicht allein, auch wenn ich einmal nicht so ganz in deiner Nähe bin.“
Ich nickte. Auch wenn mir dabei wohl die rechte Überzeugung fehlte.
„Doch, doch,“ beharrte Papa. Ich war mir sicher, dass er schon wieder alles wusste, was ich so dachte und fühlte. „Du hast gelernt, dass du deinem Herzen folgen kannst.“
Ich schüttelte vehement den Kopf.
„Aber Papa,“ meinte ich, „das hat doch gar nicht geklappt. Erst war gar nichts in meinem Herzen und dann war es nur mein Bauch. Und gemacht haben wir dann was Sarah in ihrem Herzen hatte.“
Papa lächelte. Etwas verschmitzt wie ich fand. Es sah ganz so aus, als hätte er meine Antwort erwartet und als hätte er noch etwas im Sinn. Das hat er übrigens sehr oft und meistens ist das dann auch das ganz Wichtige für die Situation um die es gerade geht. Also war ich schon ein bisschen gespannt, obwohl ich mir gar nicht vorstellen konnte, was für mich noch Tolles dabei sein sollte.
„Doch, doch,“ sagte Papa wieder, „zum Einen bist du eben gerade deshalb nicht allein. Da sind ja noch andere Kinder. Manche magst du nicht so gern, okay, das ist in Ordnung, andere, wie Sarah, magst du besonders, nicht wahr?“
Er zwinkerte mir lustig zu, als er das sagte und während ich ganz rot im Gesicht wurde, fuhr er fort: „manchmal hat eben jemand Anderes das Richtige im Herzen ...“
Ich stockte, hielt unwillkürlich die Luft an.
„Du meinst ...?“
Papa nickte.
„Es ist gut auf jemand anderen zu hören. Du musst nicht immer alles selber machen.“
„Aber, Papa, weißt du, ich hätte auch gern das Richtige in meinem Herzen gehabt und wäre gern dieser Stimme gefolgt, um das Schloss wieder zu finden.“
Wieder lächelte Papa und ich weiß auch nicht, aber so, wie er es macht, tut es so unglaublich gut, dass ich ihn immer ganz lieb haben muss.
„Hey, mein Großer, aber das hast du doch auch ...“
Wieder musste ich eine Weile mit Atmen aufhören. Dann schüttelte ich den Kopf.
„Nein, also, ich meine, wie soll ..., es war doch Sarah die den Weg gefunden hat. Sie hatte das Richtige, nicht ich.“
„Doch, doch, glaub es mir einfach. Du hattest auch das Richtige im Herzen.“
„Aber es kann doch nur einen richtigen Weg geben.“
„Das behauptest du!“
Jetzt wusste ich nicht mehr weiter, das überstieg mein Fassungsvermögen.
„Es ist, wie ich es dir sage,“ fuhr Papa völlig unbeeindruckt fort, „ihr hättet auch deinen Weg gehen können und wärt ebenso angekommen.“
Mir fehlten die Worte. Das musste ich erst einmal verdauen. Und weil das so war, fuhr Papa fort.
„Es wäre sogar kürzer gewesen.“
„Also wäre es sogar besser gewesen, wenn wir meinen Weg gegangen wären?“
„Kommt drauf an ...“
Ich blickte etwas verblüfft und dachte, dass es vielleicht auch an der vorgerückten Zeit lag, dass ich gar nicht mehr mitkam, bei dem was Papa da sagte. Doch der erbarmte sich endlich und löste das Rätsel auf.
„Auf deinem Weg hättet ihr durch das dichteste Unterholz gemusst. Das hätte auch funktioniert. Ob ihr schneller gewesen wärt, müsste man rausfinden, auf alle Fälle hätte ihr jetzt anders ausgesehen.“
„Also ...“
„Genau,“ nickte Papa, „also ist es gut nicht immer auf seinem eigenen Weg zu beharren, manchmal geht es mit dem Weg eines Anderen leichter.“
„Auch wenn es richtig gewesen wäre.“
„Richtig,“ Papa lächelte.
Tatsächlich, ich glaube, jetzt hatte ich es doch noch begriffen.
Und mehr weiß ich von diesem Abend nicht mehr. Wahrscheinlich hat uns Papa alle der Reihe nach ins Bett getragen.
Und irgendwie war es doch ein tolles Fest.
Liebe Leser, hier enden die Berichte aus dem Thonsaal – natürlich noch lange nicht! Tatsächlich habe ich schon wieder ein paar Notizen mitgebracht, aber weil sie gerade dabei sind, sich zu einer richtigen Geschichte zusammen finden, warten wir einfach noch ein bisschen - und wer weiß, vielleicht erlebt ja auch der ein oder andere in der Zwischenzeit etwas mit seinem Papa, vielleicht sogar auf dieser Kugel, die von den Menschen Erde genannt wird und die vielleicht gar nicht so weit von uns entfernt ist, wie man nach dem Lesen dieser Geschichten vielleicht glauben möchte ...